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Pech gehabt



14.08.2024 | © pt

Wie wir in Wismar zu einer neuen Diesel-Einspritzpumpe kamen





Am 18.07. gibt Frau Cornelia Order: "Wir gehen nach Boltenhagen - ich muss waschen." Ihr Wunsch ist mir Befehl - natürlich. Ich mag die Marina nicht, Frau Cornelia liebt sie, schon wegen der dort vorgehaltenen Waschmaschine. Um 10:00 Uhr werfen wir im Fischereihafen Travemünde die Leinen los.

Nach eineRoute auf Maine Trafficm Drittel des windarmen Weges macht die Maschine Mucken, die Drehzahl sackt ab, kommt wieder, es klackert unregelmäßig, hell und blechern.

Oh Mann, was ist los? Eine Sichtkontrolle des Motors bringt keine Erkenntnisse. Ich grübele hin und her - komme zu keinem Ergebnis, schon gar keinem guten. Filter dicht? Einspritzpumpe vielleicht? Dieselpest? Ich weiß es nicht. Immer wieder sackt die Drehzahl runter und kommt dann wieder. Hin und wieder klackert es, mal mehr, mal weniger. Wir planen um. Wenn etwas zu reparieren ist, geht das sicher besser in Wismar als in Boltenhagen. Die Wäsche muss warten, unser neues Ziel ist Wismar.

Knappe zwei Stunden später schläft die Maschine ein. Völlig ohne jede Klage, einfach so als hätte ich den Stopphebel gezogen. Neu Starten: Fehlanzeige! Anlasser dreht, die Maschine dreht - zünden aber will sie nicht.

Route auf Maine Traffic

Passieren tut das genau dort, wo unsere Route oben auf der Karte durch einen roten Punkt dargestellt wird, es ist also noch eine Ecke Weg bis Wismar. Wir ziehen die Segel rauf. Mit mäßigem Erfolg. Es geht voran, langsam, aber immerhin mit 1,5 Knoten in die richtige Richtung, zumindest erst, dann will auch der Hauch von Wind nicht mehr.

Ein Segler auf dem AIS, er ist etwa eine Meile entfernt, erklärt sich sofort bereit uns auf den Haken zu nehmen und nach Wismar zu schleppen. Wir landen im Westhafen, direkt neben unserem Retter. Ein recht passabler Liegeplatz. Für längere Zeit frei ist er wohl auch. Wer weiß, wie lange wir ihn brauchen werden. Von dieser Stelle aus noch einmal ein herzliches Dankeschön an die Crew der "Spika" aus Hamburg, die nicht nur eine tolle Seemannschaft bewiesen hat, sondern zusätzlich höchst profesionell und routiniert handelte.

Am nächsten Morgen, eigentlich ist es fast Mittag, nehm' ich die Leitungen zu den Einspritzdüsen los und orgele mit auf Volllast gedrückter Einspritzpumpe.

Gries im DieselfilterDiesel sollte nun aus den Leitungen pulsen, es kommt aber nichts, so gar nichts. Irgendwas ist im Busche - nur was verdammt?

Also den Dieselfilter losschrauben und raus damit. Schauen wie es da aussieht. Das Ergebnis ist links von hier zu besichtigen - der Filter ist voll mit feinstem silbrigem Stahlgries. Irgendwoher muß er kommen. Und so wie es ausschaut ist der Gries durch die Leckleitungen gekrabbelt - Scheiße. Wie ich es sehe kann es sich bei dem feingemahlenen Metall nur um das Innenleben unserer Einspritzpumpe handeln.

Oh Mann, da hat sich das Ding wohl nach einem langen, fast störungsfreien Leben in den Einspritzpumpenhimmel verabschiedet. Und daraus folgt, dass Ersatz her muss und zwar so schnell wie möglich.

Das Motorhandbuch gibt keine völlig sichere Auskunft über die an unserem Perkinsmotor verbauten Pumpe. Mit ächzenden, aber nichtsdestotrotz schlangengleichen Verrenkungen, gelingt es mir altem dicken Mann, ein paar Fotos im tiefsten Keller unseres Schiffes zu schießen, die Pumpe ist gemein verbaut und der Motorraum so verdammt eng. Der Pumpenhersteller ist lesbar auf den Bildern, Typ und Teilenummer nur zu ahnen, aber immerhin.

Wie schön doch, dass es diese kleinen neumodernen Fotokameras gibt, man soll sogar mit ihnen telefonieren können. Häufig hab' ich mich schon murmeln hören: "Man braucht das alles nicht." Hier und jetzt ziehe ich diese Aussage zurück - zumindest temporär. Das zeigt und es ist mir wichtig darauf hinzuweisen, dass ich ein Mensch bin, der technischen Neuerungen aufgeschlossen und nicht ausschließlich skeptisch gegenübersteht.

Motorraum KohinoorDer schicke weiße Pfeil links diesen Textes deutet die ungefähre Lage unserer Einspritzpumpe an, nur sehr viel weiter unten ist sie verbaut, wer auch immer sie rausschrauben soll, wird reichlich Arbeit haben. Wassersammler weg, Kühlwasserbehälter raus und so dies und das. Da wird einiges zusammenkommen.

Wer diese Arbeit nicht durchführen wird, ist glasklar, nachdem ich Frau Cornelia die Sachlage und den ungefähren Sitz des rotten Teils erklärt habe.

"Du machst das nicht. Denk nicht mal drüber nach!"

Meine Antwort lautet zackig, wie sollte es anders sein: "Jawoll mein Herz."

Nun folgt Recherchearbeit. Das ist im Wesentlichen Frau Cornelias Ding. Mir werden nur Ergebnisse vorgelegt. Die Wenigen, die es gibt, sind weit entfernt von Positiv, bis auf Eines: Die von mir zusammengeknobelte Pumpennummer ist richtig. Ansonsten: Kein Perkinshändler weit und breit, keine einzige Pumpe mit passender Nummer verfügbar hier in diesem Lande, nein, auch online nicht. Erkennbar hönische Fragen allerdings werden gestellt wenn mal ein Telefonkontakt zustande kommt. Zwei davon seien zitiert: "Haben Sie 'ne Ahnung wie alt die Maschine ist, mit der sie da rumfahren, Tschuldigung, rumgefahren sind?" Oder: "Glauben Sie im Ernst, dass Sie irgendwo auf dieser Welt so ein Ersatzteil finden? Nee, oder?"

Fündig wird die virtuose Frau Cornelia natürlich doch, ich glaube am zweiten Tag der Suche, einem Samstag: "Hier auf Ebay, guck, in Mittelengland ist Einer. Der handelt mit historischen britischen Pumpen." Die Freude ist groß, währt allerdings nur kurz. Eine Lieferung nach Deutschland sei NICHT möglich, offenbart der der Anzeige zugehörige Text nach nicht allzu langem Studium.

Wie schon gesagt, es ist Wochenende inzwischen, Frau Cornelia schickt eine Mail nach Mittelengland, recht geschickt und diplomatisch freundlich formuliert. Eine Antwort kommt promt, wenn ich's recht erinnere am Sonntag!!

Andrew, Geschäftsführer der "Sheaf Diesel Services" in Attercliffe, Sheffied schreibt, in unserem Falle wolle er gern eine Ausnahme machen, wir hätten ja wirklich Pech gehabt, unter Großbritanniens Austritt aus der EU sollten wir nicht zusätzlich leiden. Die angefragte Pumpe sei im Vorrat und könne sofort geliefert werden, wenn wir es wollten sogar per Express. Und ja, natürlich, wir wollen! Die notwendigen Formalitäten werden erledigt und tatsächlich geht die Pumpe am folgenden Dienstag auf die Reise und wird am Freitag bei uns eintreffen, soviel sei schon verraten.

Was fehlt, ist ein Monteur für die anstehende Reparatur. Unser Westhafen-Hafenmeister, er betreibt auch einen kleinen Schrauberladen, bescheidet uns negativ, sein Schlosser sei in Urlaub für die nächsten drei Wochen. Gegenüber aber, auf der anderen Seite des Hafenbeckens, sei auch ein Betrieb, größer als seiner. Dort bitte sollten wir unser Anliegen vortragen. Das Ergebniss ist ernüchternd - keine Leute zur Zeit, Urlaub allenthalben. Toll!

Wir bekommen eine weitere Empfehlung: Auf Poel in Kirchdorf, also ganz in der Nähe, säße ein guter Motorenmann. Ich bekomme telefonischen Kontakt, schildere sowohl Problem als auch die Umstände, ein Rückruf vom Chef wird zugesagt und erfolgt tatsächlich am nächsten Vormittag: Man baue nur Ersatzteile ein, die man selbst geliefert habe, hieß es ultimativ, unsere Einspritzpumpe solle der montieren, der sie uns verkauft hätte! Und wenn der aus England anreisen müsse, tja, dann sei das eben so.

Ich will mich nicht streiten, bedanke mich auf's Herzlichste für die sachliche Auskunft, lobe seinen für unsere Zeit so symptomatisch vorbildlich gelebten Servicegedanken und wünsche für alle Zukunft von Herzen "Gute Geschäfte".

Jo, das wissen wir dann jetzt, da haben wir Klarheit - nur, wer schraubt die Pumpe in den Bauch von unserer Kohinoor? Mir fällt nur André ein, André ist unser Yachtservicebetreiber in Weener. Einziges Problem ist der Abstand von einigen Hundert Kilometern zwischen Weener und Wismar.

"Ruf ihn an", bittet Frau Cornelia.

Reparatur"Hallo, wie geht's, wie isses, was mach'ste denn grade? Viel zu tun? Jaja, iss immer was. Du, wir haben da ein kleines Problem, weißte?", so etwa begann ich das Gespräch mit André. Jeder wird zugeben, taktisch genial, geradezu große Schule. André versteht recht schnell, ja, er könne kommen. Aber bei aller Liebe, vor Dienstag käme er nicht los, allerfrühestens.

Mir gefällt das nicht wirklich, Dienstag gegen Abend hier - und dann, naja bestimmt zwei Tage schrauben, ach, ach ach. Aber ich verstand den Jungen, es ist okay und toll, dass er sich überhaupt ins Auto setzen will.

Einspritzpumpe für Perkins 4.108Pumpe montiertAuch Frau Cornelia ist nicht vollumfänglich glücklich: "Wismar ist schön, klar. Aber soooo lange?" Ich könne ja, sage ich, schon mal ein bisschen was vorbereiten, nur leichte Sachen natürlich, das könne sie mir glauben, die Frau Cornelia. Und zwischendurch machten wir immer mal Gänge in die Stadt, versprochen.

Und so fang ich dann tatsächlich an, Schläuche los, Wasser ablassen und rausschrauben, was raus muss.

Wassersammler, Kühlwasserbehälter, es wird immer mehr und nimmt kein Ende. Spaß aber macht es auch, okay, ist fast ausschließlich kniehende und arg gebückte Tätigkeit - aber es geht.

Leser und Leserin ahnen es schon, aus den rein vorbereitenden Arbeiten wird etwas mehr. Am Freitag trifft tatsächlich die neue Pumpe ein, tolle Leute dort in England, beinahe zeitgleich schaff' ich es nach unendlichen Mühen und viel Getrickse, die alte Pumpe vom Motor zu lösen. Die Pumpenachse läßt sich so leicht durchdrehen, dass da garantiert nix mehr pumpt.

Also, bis hierhin alles richtig! Nitt schlecht, Pedder, zumindest für den ersten Pumpenwechsel dieses Lebens. Nun werden alle Leitungen gespült und durchgeblasen - und tatsächlich, die Rücklaufleitung von Pumpe zum Dieselfilter steckt noch voller Späne. Die anderen Leitungen sind sauber. Dann setz' ich vorsichtig die neue Pumpe ein, bloss das nichts schiefläuft. Vorher war mehrfaches Studium des Handbuchs angesagt, leider ist es auf englisch verfaßt, das macht das Lesen für mich alten Sack nicht leichter.

Und hoffentlich erwisch ich auf Anhieb den richtigen Einspritzzeitpunkt. Oh Mann, wenn ich das alles hinterher wieder demontieren muss - nicht auszudenken.

Nicht lamentieren - weitermachen!

Das Anschrauben der Pumpe ist so kompliziert, dass mir mehrfach Muttern und auch schon mal ein Maulschlüssel in die Bilge rutschen. Das hemmt den Fortgang der Arbeit erheblich, ich muss sie mühsam mittels eines Magneten suchen und herausangeln. Am Montag ist alles wieder an seinem Platz, sogar die Einspritzdüsen hab' ich getauscht - vorsichtshalber. Und dann den ganzen Kram mit Liebe entlüftet, neues Kühlmittel ins System. Ja - nun kann ich starten, schauen ob's wenigstens ein bisschen läuft.

Anfangs tut sich nichts, ein wenig mehr Gas, ein zwei Zylinder fangen an zu husten. Und dann, nach noch etwas mehr Gas läuft der Diesel. Erst rumpelnd und dann rund.

Wow! Watten Glück!

Anruf bei André in Weener: "Du brauchst nicht zu kommen, ich hab's." Der ist nicht wirklich unglücklich und gratuliert.

Der Dienstag vergeht mit Einstellarbeiten, Probeläufen und einer ausgiebigen Probefahrt. Es läuft! Ich bin verhalten zufrieden. Am Mittwoch, dem 31.07. laufen wir nach 13 Tagen Wismar in Richtung Großenbrode - komplett unter Maschine. Eine Einspritzdüse leckt leicht. Ich ziehe die Überwurfmutter fester.

Ach, übrigens: In Wismars Westhafen gibt es eine Waschmaschine.


Route Marine Traffic



Ein großes Lob noch an die Leute in UK, an Andrew Kohler und seine Truppe von den "Sheaf Diesel Services". Eine tolle Erfahrung war das, super zuverlässig, hilfsbereit, unglaublich fair und nett - DANKE!




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